Stephan Harbort: Der Seelenschürfer

Mehr als 20 Jahre hat er in Gefängniszellen gesessen – freiwillig, aber immer zusammen mit den grausamsten Verbrechern: den Serienmördern. Ihn treibt etwas an, das er nach wie vor nicht erklären kann: Warum »muss« jemand immer wieder töten? Das Porträt eines Experten für menschliche Abgründe.

Nach den Gesprächen griff ich zum Diktafon... Ich wollte das nicht in mir selbst speichern.

Stephan Harbort und seine Karte des Grauens.

Die Tür von Zimmer 118 im Düsseldorfer Kriminalkommissariat 33 steht bereits offen. Es ist eine deutsche Beamtenstube mit Filzteppich und Holzmöbeln, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben. An den weißen Wänden hängen Urlaubsbilder in Postergröße. »Das ist mein Versuch, diesen Raum etwas persönlicher zu gestalten«, erzählt Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort.

Auf seinem Schreibtisch landen auch harmlose Fälle wie Betrug, Einbruch oder Diebstahl. Die grausamen Verbrechen, die die Abgründe der menschlichen Seele dokumentieren, lauern hinter der Schiebetür eines massiven Holzschranks.

Dort hat Harbort die Protokolle seiner langjährigen Forschungsarbeit eingelagert. Es sind Protokolle des Grauens – mit Fotos von eingeschlagenen Schädeln, erdrosselten Hälsen und verwesten Körperteilen. Mehr als 70 Serienmörder hat der Rheinländer Harbort bis heute getroffen und interviewt. Er gilt als der deutsche Serienmordexperte.

Seine Mission, in den Seelen von Serienmördern zu schürfen, begann Anfang der 1990er-Jahre. Der Kriminalstudent Harbort absolvierte gerade ein Praktikum bei der Mordkommission, als ein junger Mann gestand, aus purer Habgier seine ganze Familie getötet zu haben. Es war nicht die Tat, sondern der Täter, der das moralische Fundament Harborts erschütterte. »Der Täter erzählte von seinen Morden wie von Wochenendausflügen. Diese Kälte hat mich abgestoßen.«

Abgestoßen und gleichzeitig angezogen. Denn von nun an wollte Harbort mehr wissen über die Motive von Menschen, die andere Menschen kaltblütig töten. Als er sich auf die Suche nach einschlägiger Fachliteratur begab, ahnte er nicht, was für eine gewaltige Lücke er da gerade aufgetan hatte. Es war der Moment, der sein Leben verändern sollte.

Viereinhalb Jahre reiste er durch die Republik, verschaffte sich Einblicke in die Prozessakten, Obduktionsberichte und Tatortfunde. Es waren Dokumente des Bösen. Das Herzstück seiner Arbeit war stets das Gespräch mit den Mördern. »Ich konnte in diesen Momenten keinen Hass empfinden, ich fühlte mich dann wie ein Goldgräber, der nicht nach Nuggets, sondern nach Informationen sucht.«

Jedes Interview war für Harbort ein Kräftemessen mit sich selbst, verbunden mit der Frage: »Bekomme ich den Täter dahin, wo ich ihn hinhaben will?«

Mit viel Fingerspitzengefühl gelang dem Familienvater offenbar das, was vielen Psychologen verwehrt blieb: Die Mörder öffneten ihm nicht nur die Tür zu ihrer Zelle, sondern auch zu ihrer Seele. Harbort erhielt Einblicke in die teilweise unglaublichsten Lebensgeschichten von Menschen, die anderen unvorstellbares Leid zugefügt hatten.

Harbort forschte nach den Gründen, warum Menschen zu Mördern werden, und nach den Abgründen des Verbrechens. Sein Fazit mag enttäuschend klingen: Den diabolischen Prototypen eines Mörders gibt es nicht. Oft wird Harbort gefragt, ob er das »Böse« gesehen habe. Dann macht er eine Pause, wie vor jedem Satz, der ihm wichtig erscheint. Er nippt am Kaffee und sagt anschließend: »Ich habe immer nur Menschen getroffen und keine Monster. Das Böse an sich gibt es nicht.«

Und wer die Bücher von Harbort liest, der weiß: Das Böse, das einen Menschen zum Mörder macht, ist nur ein Teil, nie das gesamte Wesen eines Menschen.(jmö)  

Lesen Sie mehr über Stephan Harbort unter: www.stephan-harbort.de

Buchtipp

Stephan Harbort: Das Serienmörder-Prinzip

Das Serienmörder-Prinzip

Was macht aus Menschen »Monster«? Stephan Harbort, bekanntester Serienmord-Experte Deutschlands, geht dieser Frage auf den Grund. Er beschreibt die spektakulärsten Fälle der vergangenen Jahre auf der Grundlage persönlicher Gespräche mit mehr als 50 Serienmördern.

PIPER Verlag, 336 Seiten
9,95 € (D) / 10,30 € (A) / sFr. 17,90