Stephan Harbort im Interview (I)

»Auch der Kaltblütigste hat einen weichen Kern«

Revolverblatt: Herr Harbort, Sie haben sich jahrelang mit dem Profil des deutschen Serienmörders auseinandergesetzt. Verraten Sie uns, was ihn kennzeichnet?

Stephan Harbort: Die enttäuschende Nachricht ist, dass es mir trotz zwanzigjähriger Forschungsarbeit nicht gelungen ist, ein klares Täterprofi zu finden. So etwas gibt es nicht. Was ich Ihnen aber anbieten kann, ist eine Reihe von Merkmalen, die viele Täter gemeinsam haben: Sie sind männlich, ledig, zwischen 20 und 40 Jahre alt, besitzen einen niedrigen sozialen Status und ein geringes Allgemeinwissen. Außerdem sind sie häufig soziale Außenseiter, die Schwierigkeiten in Beziehungen haben. Ich muss aber anmerken, dass ich dennoch nicht sagen kann: »Derjenige, der diese Merkmale auf sich vereint, das ist einer.« Derjenige, auf den diese Eigenschaften zutreffen, ist lediglich einer von vielen Kandidaten, die es näher unter die Lupe zu nehmen gilt.

Revolverblatt: Gibt es denn einen Charakterzug, den alle Serientäter gemeinsam haben?

Stephan Harbort: Aber ja. Es gibt zwei sehr charakteristische Merkmale: Einerseits weisen Serienmörder eine ausgeprägte Identitätsproblematik auf, andererseits streben sie nach Gewalt und Macht. Ein Beispiel: Ich habe mit einem Serienmörder gesprochen, der aus purer Habgier dreifach gemordet hat. Schon sein allererster Mord, so berichtete er mir später, hatte ein unglaublich euphorisches Gefühl in ihm geweckt. Von da an teilte er die Menschen nur noch in Opfer und Nichtopfer ein. Dieser Mann fühlte sich mit einem Mal unangreifbar – ein typisches Kennzeichen für Serienmörder: Vordergründig sehen wir irgendwelche Handlungen, wie zum Beispiel einen Raubmord. Doch dahinter verbirgt sich wesentlich mehr.

Revolverblatt: Sie haben statistisch bewiesen, dass die meisten Mörder in Deutschland ihre Opfer erwürgen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Stephan Harbort: Viele Täter verbinden sehr starke Emotionen mit ihrer Tat. Die Opfer sind für sie eben nicht nur Objekte. Auf der einen Seite sagen die Täter im Nachhinein zwar oft: »Ja, ich habe in dem gar keinen Menschen gesehen.« Aber auf der anderen Seite möchte der Täter natürlich von seinem Opfer bestimmte Reaktionen. Und diese bekommt er viel leichter, wenn er keine Fremdwaffe benutzt und sich direkt mit dem Opfer auseinandersetzt. Allein aus dieser Dynamik entwickelt sich das. Es scheint irgendwie ein menschlicher Impuls zu sein, seine Hände zu benutzen.

Revolverblatt: Ist Mördern bewusst, dass ihre Taten unrecht waren?

Stephan Harbort:
Auf jeden Fall. Etwa 50% der Täter leidet sehr unter den psychischen Folgen ihrer Taten. Sie unternehmen immer wieder den Versuch, sich Luft zu verschaffen. Es gibt Leute, die haben sich hinterher in ihre Stammkneipe gestellt und von ihren Taten erzählt. Täter, die sich ihrer Frau oder ihrem besten Freund anvertraut haben. Damit kann das Umfeld natürlich nichts anfangen, die Menschen sind auf so etwas gar nicht vorbereitet. Sie können im Leben nicht glauben, was sie da zu hören bekommen.

Revolverblatt: Sie schreiben in Ihrem Buch »Das Hannibal Syndrom“: „Hinter jedem Monster steckt auch ein Mensch.« Gab es eine Begegnung, bei denen es Ihnen selbst schwer fiel, noch den Mensch in der Bestie zu erkennen?

Stephan Harbort: Es gibt nur eine Begegnung, von der ich im Nachhinein behaupten möchte, dass dieser Mensch wirklich böse war. Und ich bin dankbar dafür, dass es nur dieses eine Mal so war. Der Mann, von dem ich hier spreche, saß schon in Einzelhaft, weil er mehrere Male versucht hatte, Mitinhaftierte zu töten. Ich habe mit ihm sechs Stunden lang gesprochen. Nach etwa vier Stunden versuchte dieser Typ sich ein Lächeln abzuringen. Und genau das war es, was ich als das Böse empfunden habe. Das war kein Lächeln, das war eine Fratze: einfach nur bodenlos zynisch. Da wurde mir echt kalt ums Herz.

Revolverblatt: Wie haben Sie sich nach diesem Gespräch gefühlt?

Stephan Harbort: Ich hatte das ganz dringende Gefühl, mich mitzuteilen. Ich habe direkt einen Kollegen kontaktiert und gesagt: »Das muss ich erstmal erzählen. Das hab ich ja noch gar nicht erlebt.« Ansonsten spreche ich meine persönlichen Eindrücke unmittelbar auf mein Diktaphon. Das tue ich einfach nur, um eine gewisse Psychohygiene zu erlangen. Diese Gespräche sind ja doch schon bewegt und anstrengend. Ich will diese Eindrücke einfach irgendwo ablagern. Ich möchte das nicht alles in mir selbst speichern. Das muss raus und weg.

Buchtipp

Das Hannibal-Syndrom

Dank Hollywood gilt Hannibal Lecter als Inbegriff des infernalischen Serienmörders. Doch wer sind diese Täter in der Wirklichkeit? Der Kriminalexperte Stephan Harbort hat zahlreiche von ihnen in ihren Hochsicherheitszellen besucht und interviewt, um Motivation, Tathergang und Täterprofil zu erforschen. Er befasste sich mit allen 75 deutschen Serienmördern seit 1945 – eine aufschlussreiche und schockierende Dokumentation, aus der man viel über die Psyche solcher Täter erfährt.

PIPER Verlag, 352 Seiten
€ 9,95 [D], € 10,30 [A], sFr 17,90